Sun Tzu - Die Kunst des Krieges

aus dem Chinesischen von Samuel B. Griffith · aus dem Englischen von Markus M. Fatalin


Vorwort

Sun Tzu's »Die Kunst des Krieges« wurde vor über 2000 Jahren in China geschrieben. Das Werk gilt als der erste Versuch eine rationellen
Basis für die Organisation und die Durchführung militärischer Operationen zu formulieren. Weder vorher noch nachher wurden solche

Ausführungen in umfassenderer oder konzentrierter Weise formuliert. Viele Generationen von Feldherren haben sich an die Grundsätze
Sun Tzu's gehalten, unter ihnen auch Namen wie Mao Tse-Tung oder Napoleon. In einer Zeit, in der der Einfluß der asiatischen
Wirtschatftsmacht auf der Welt immer größer wird, ist die Studie dieses Buches auch eine Unterstützung um die Gedankengänge
asiatischer Gesprächspartner zu verstehen, ihre Züge vorauszusehen und die eigenen Strategien zu verbessern. Handel wird in Ländern
wie Japan mit Krieg gleichgesetzt; wenn auch meist ohne den Einsatz militärischer Waffen. Eine Vorstellung, die für westliche Partner nicht
immer leicht nach zu vollziehen ist. Alles ist erlaubt, bis das der Gegner zerstört bzw. in seine Schranken gewiesen ist. Nur mit Ihren
eigenen Waffen ist es möglich, diese Vorgehensweise zu stoppen. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, soll dem Leser bewußt sein,
daß Worte wie Mitleid in vielen asiatischen Sprachen keine eigentliche Übersetzung finden und häufig mit Schwäche gleichgesetzt werden.

Einen Einblick in den Charakter Sun Tzu's sowie seine Ablehnung der Einmischung von Politikern (oder Herrschern) in die Belange des
Militärs, kann der nachfolgende Abschnitt aus seiner Biographie geben:

Sun Tzu hatte eine Audienz mit dem König von Wu, Ho-lü. Ho-lü sagte: "Ich habe ihre 13 Paragraphen gelesen. Sind Sie in der Lage ein
kleines Beispiel über die Kontrolle von Truppenbewegungen zu liefern?" Sun Tzu antwortete: "Ich kann." Ho-lü fragte: "Können Sie hierzu
auch Frauen verwenden?" Daraufhin sagte Sun Tzu nur: "Ja." Der König willigte nun ein und sendete einhundertachtzig schöne Frauen. Sun
Tzu unterteilte diese in zwei Kompanien und beorderte die zwei Konkubinen, die der König am liebsten mochte, als Kommandantinnen
jener Kompanien.

Er instruierte alle Frauen wie sie eine Hellebarde zu halten haben. Dann fragte er: "Wißt ihr wo das Herz ist und wo rechts und links ist?"
Die Frauen riefen "Ja." Nun sagte Sun Tzu: "Wenn ich sage vorne, dann stößt ihr in die Richtung des Herzens, wenn ich sage rechts, nach
rechts, wenn ich sage links, nach links, wenn ich sage nach hinten, so stoßt ihr nach hinten." Die Frauen erwiderten, daß sie verstanden
hätten. Nun wurden Waffen an jede der Frauen ausgeteilt. Danach gab Sun Tzu die Befehle drei mal und erläuterte sie fünfmal. Jetzt gab er
auf der Trommel den Befehl sich nach rechts zu wenden, doch die Frauen quittierten dies mit Gelächter. Sun Tzu sagte dann: "Wenn die
Regeln nicht klar sind und die Befehle nicht richtig erklärt, dann ist es die Schuld des Generals."Er wiederholte die Befehle drei mal und
erklärte Sie fünfmal. Am Ende gab er den Befehl nach links, doch auch dieses mal gaben die Frauen nur großes Gelächter von sich, ohne
auf die Befehle zu hören. "Wenn Instruktionen nicht klar gegeben werden, dann ist dies die Schuld des Generals. Wenn sie jedoch klar
gegeben wurden und dennoch nicht befolgt werden, dann ist dies ein Verbrechen gegen militärisches Gesetzt und die Schuld der Offiziere."
Daraufhin ordnete er an, daß die Kommandeure der beiden Abteilungen geköpft werden sollen.

Der König von Wu, der die Demonstration von seinem Balkon aus verfolgte, erkannte, daß seine beiden Lieblingskonkubinen geköpft
werden sollten. Er war erschrocken und sendete sofort einen Boten mit der Nachricht "Ich weiß nun das der General in der Lage ist
Truppen zu kommandieren. Ohne diese zwei Konkubinen wird mein Essen nicht mehr süß schmecken. Es ist mein Wunsch, daß sie
nicht geköpft werden." Sun TZU entgegnete nur: "Euer Diener (er) wurde von euch bereits als General eingestellt und wenn der General
der Kopf (Führer) des Militärs ist, dann braucht er auch vom Herrscher keinerlei organisatorische Befehle mehr entgegen zu nehmen."
Nun wurden auf Sun Tzu's Befehl hin die beiden kommandierenden Frauen geköpft und die beiden ältesten der Gruppe zu den neuen
Offizieren.

Nun gab er wieder den Befehl rechts und alle Frauen folgten und stießen nach rechts. Er gab dann Befehle nach links vorne und hinten,
welche von allen ohne Zögern ausgeführt wurden. Sie wagten nicht, daß kleinste Geräusch zu machen. Sun Tzu schicke nun einen Boten
zum König mit der Nachricht: "Die Truppen sind nun in guter Verfassung und der König ist eingeladen sie zu besichtigen. Wenn es dem
König beliebt, kann er diese Truppen nun einstellen und sie werden durch Feuer und Wasser für ihn gehen." Doch der König von Wu
teilte Sun Tzu mit: "Der General könne sich in seine Gemächer zurückziehen und ruhen. Der König wünsche derzeit keine Inspektion.
"Hierauf konnte Sun Tzu nur antworten: "Der König liebt nur leere Worte, doch er ist weder Willens noch in der Lage sie in Taten
umzusetzen." Erst jetzt erkannte der König die waren Möglichkeiten von Sun Tzu und er macht ihn zum Oberbefehlshaber aller Truppen
von Wu. Von nun an begann eine lange und äußerst erfolgreiche Laufbahn für den General.

Ich habe versucht mich sehr nahe an die englische Übersetzung von Samuel B. Griffith zu halten und dennoch dem Text eine moderne
Orientierung zu geben. Um den interessierten Leser die Möglichkeit zu geben, sich eine eigene Übersetzung anzufertigen, habe ich den
englischen Text mit abgedruckt. Ich möchte dieses Vorwort mit einer wichtigsten Aussagen dieses Buches beenden:

Die meisten Schlachten sind bereits gewonnen oder verloren bevor sie überhaupt begonnen haben.



I. Einschätzungen
  1. Krieg ist lebenswichtig für den Staat. Schauplatz von Leben und Tod; Straße des Überlebens oder Untergangs.
    Es ist unabdingbar daß er vollkom- men studiert wird.
  2. Deshalb zerlegen wir das Thema in 5 Gruppen und vergleichen die sieben Elemente (die wir später erläutern). Auf diese Weise
    kann das Wesentliche erkannt (verwendet) werden.
  3. Die erste Gruppe ist der Einfluß auf die Moral; die zweiter das Wetter; die dritte das Gebiet; die vierte Befehle und die fünfte Doktrin.
  4. Mit moralischem Einfluß meine Ich daß was die Leute in Harmonie zu ihrem Führer bringt, so daß sie ihm bis zu ihrem Tod folgen
    - auch bei höchster (tödlichster) Gefahr.
  5. Mit Wetter meine ich das Zusammenspiel der Naturkräfte. Den Einfluß der Kälte im Winter und Hitze im Sommer sowie die Führung
    militärischer Operationen unter Berücksichtigung der Jahreszeit.
  6. Mit Gebiet sind Entfernungen gemeint, und ob der Grund leicht oder schwer zu durchqueren ist; ob es offen ist oder ob Hindernisse
    den Weg versperren; den Wechsel von Leben und Tod.
  7. Mit Befehle meine ich die Qualitäten des Generals in Weisheit, Aufrichtigkeit, Zivil Courage, Menschlichkeit und Genauigkeit.
  8. Bei Doktrin sind Organisation, Verteilung der richtigen Positionen an die Offiziere, Einrichtung von Versorgungswegen und die
    Beschaffung von Grundversorgungsgüter der Armee, gemeint.
  9. Es gibt keinen General der noch nicht von diesen fünf Gruppen gehört hat. Wer sie meistert wird gewinnen; wer sie ignoriert wird
    verlieren.
  10. Bei der Ausarbeitung von Plänen müssen die nachfolgenden Elemente verglichen und mit besonderer Aufmerksamkeit abgeschätzt
    werden.
  11. Wenn ich weiß, welcher Führer höheren Einfluß auf die Moral hat; wer der fähigere Feldherr ist; welche der Armeen die Vorteile von
    Wetter und Gebiet nutzten; wo Regeln und Instruktionen besser befolgt werden; welche Truppe die stärkere ist;
  12. Wenn ich weiß wer die besser ausgebildeten Offiziere und Soldaten hat;
  13. Und wenn ich weiß wer Auszeichnung und Bestrafung in klarer Art und Weise verwaltet;
  14. Bin ich in der Lage vorher zu sagen welche Seite Sieger und welche besiegt sein wird.
  15. Wenn ein General der meine Strategie befolgt eingestellt ist, ist es sicher, daß er gewinnen wird. Behalte ihn! Wenn einer dient,
    der sich weigert auf meine Strategie zu achten dann ist es sicher das er verlieren wird. Entlaß ihn!
  16. Der General der sich nach meiner Strategie richtet, wird Situationen schaffen und deren Vollendung befolgen. Mit Situationen meine
    ich, daß er vorausschauend handelt und genau das tun wird was vorteilhaft für ihn ist, um das Gleichgewicht zu kontrollieren.
  17. Krieg basiert nur auf Täuschung.
  18. Deshalb wer fähig ist, täuscht Unfähigkeit vor; wer aktiv ist täuscht Inaktivität vor.
  19. Wenn du nahe an deinem Ziel bist, laß es weit entfernt erscheinen; wenn weit entfernt, nah.
  20. Biete dem Gegner etwas an um ihn zu ködern. Täusche deine Unordnung vor und wenn er kommt, greife an.
  21. Wenn er sich sammelt, bereite dich gegen ihn vor; wo er stark ist, gehe ihm aus dem Weg.
  22. Mache seine Generäle wütend und verwirr ihn.
  23. Täusche Untergebenheit vor und unterstütze seine Arroganz.
  24. Halte ihn unter Anspannung damit er auf diese Weise an Kraft verliert.
  25. Wenn er vereint ist, teile ihn.
  26. Greifen ihn an, wo er nicht vorbereitet ist. Mache dich auf den Weg, wenn er dich nicht erwartet.
  27. Dies sind des Strategens Schlüssel zum Gewinn. Es ist unmöglich sie im voraus zu besprechen.
  28. Wenn die Einschätzungen der Situation vor den Feindseligkeiten den Sieg vorraussagen, dann weil unsere Stärke der des
    Gegner überlegen ist. Wenn die Einschätzungen eine Niederlage voraussehen, dann weil unsere Stärke der des Gegners
    unterlegen war. Mit vielen Berechnungen können wir gewinnen, mit wenigen können wir es nicht. Wie wenig Möglichkeiten zu
    gewinnen hat der, der überhaupt keine Berechnungen durchführt. Hiermit meine ich, das jede Situation untersucht werden muß
    und das Ergebnis (der Schlacht) wird klar vor mir liegen (erkennbar sein).



The Art of War by Sun Tzu

Lageeinschätzung

Krieg führen ist für einen Staat lebensnotwendig. Es geht um das Überleben oder den Untergang, um den Aufbruch zum Wohlstand oder zum
Bankrott. Demzufolge ist es erste Vaterlandspflicht die Kunst des Kriegführens bis ins Detail zu erarbeiten. Untergliedere die eigenen
Fähigkeiten und Voraussetzungen in fünf grundlegende Faktoren und vergleiche sie mit den unterschiedlichen Bedingungen für die gegnerische
Seite um das Ergebnis des Krieges vorherzusehen. Der erste dieser Faktoren ist die Politik. Der zweite das Klima, der dritte die Örtlichkeit;
vierter Faktor ist die Person des Befehlshabers und der fünfte die logistische Struktur. Politik umfaßt die Dinge, die die eigenen Leute in
Harmonie mit dem Anführer sein läßt, so daß sie ihm ohne Rücksicht auf das eigene Leben und ohne Angst vor Gefahren folgen. Das Wetter
zeigt sich in dem Wechsel von Tag und Nacht, Kälte und Wärme, schönen Tagen und regnerischen und dem Ablauf der Jahreszeiten. Die
Örtlichkeit gibt Entfernungen vor, leichte Begehbarkeit oder große Hindernisse sind erkennbar, der Ort ist offen und frei oder beengt und
eingegrenzt und beeinflußt so die Chancen zum Überleben oder zum Tod. Der Befehlshaber steht für die Qualitäten eines Generals: Weisheit,
Überlegtheit, Gutwilligkeit, Courage und Zielstrebigkeit. Die Logistik versteht sich als Organisation des Heeres, die Rangunterschiede und
Aufgabenverteilung unter den Offizieren, die Festlegung der Versorgungswege und die Bereitstellung notwendiger militärischer Ausrüstung.
Diese fünf grundlegenden Faktoren sind jedem General geläufig. Diejenigen, die sie berücksichtigen und beeinflussen werden gewinnen, wer
sie nicht beachtet wird geschlagen. Daher vergleiche bei Planungen die folgenden sieben Elemente und verwende dabei äußerste Sorgfalt.

    Welcher Anführer ist Weise und der fähigere?
    Welcher Befehlshaber ist talentierter?
    Welche Armee hat Vorteile in der Natur und bei der Landschaft?
    In welcher Armee werden Regeln und Anweisungen besser ausgeführt?
    Welche Truppen sind die stärkeren?
    Welche Armee hat die besser ausgebildeten Offiziere und Mannschaft?
    Welche Armee erteilt Auszeichnung und Bestrafung nachvollziehbarer und korrekter?

Mit der Auswertung dieser sieben Elemente sollte man die Vorhersage machen können, welche Seite der Gewinner sein und welche
geschlagen werden wird. Der General, der meinen Ratschlag befolgt kann siegessicher sein. Solch ein General sollte im Amt bleiben. Einer,
der meinen Ratschlag nicht beachtet kann sich sicher sein, geschlagen zu werden. Solch einer sollte von seinem Amt entbunden werden.
Nach Berücksichtigung meines Ratschlages und Plans muß der General eine Lage herbeiführen, die das Ziel, den Sieg, zur Folge hat. Mit
"Lage" meine ich, er sollte die genauen Kampfbedingungen beachten und sich danach richten, was vorteilhaft für ihn ist. Jede Kriegführung
beruht auf List und Täuschung. Bei Angriffsbereitschaft täusche also fehlende Kapazitäten vor, während aktiven Truppenbewegungen lasse
den Feind nur Geruhsamkeit erkennen. Wenn Du Nah am feind bist, laß Ihn denken, Du wärst weit weg, bist Du weit von ihm entfernt, mach
ihm Glauben, Du wärst nah an ihm dran. Lege Köder aus und locke den Feind. Greife an, wenn der Feind nicht geordnet ist. Bereite die
Verteidigung vor, wenn er in allen Punkten gerüstet ist. Bleibe weg von ihm, solange er stärker ist. Wenn der Dein Gegner cholerisches
Temperament hat, versuche ihn zu verwirren. Tritt er arrogant auf, beschädige sein Selbstbewußtsein. Sind die feindlichen Truppen nach
einer Neuordnung gut vorbereitet, dann ermüde und verschleiße sie. Wenn sie vereinigt sind, versuche Zwietracht unter ihnen zu sähen.
Greife den feind an, wo er unvorbereitet ist und tauche an Stellen auf, an denen er es nicht erwartet. Dies sind für einen Strategen die
Schlüssel zum Sieg. Man kann das nicht im voraus detailliert formulieren.
Wenn die Lageeinschätzung vor einer Schlacht auf einen Sieg hindeutet, so beruht das darauf, daß Deine Bedingungen vorteilhafter sind
als diejenigen des Feindes. Zeichnet sich bei der Analyse eine Niederlage ab, bedeutet das, daß eine sorgfältige Berechnung nicht so viele
günstige Bedingungen für einen Kampf aufzeigt. Mit noch sorgfältigeren Berechnungen kann man gewinnen. ohne sie nicht unbedingt. Wie
wenig Siegeschancen hat überhaupt einer, der gar keine Berechnungen anstellt! Was ich damit sagen möchte ist, daß man das Ergebnis
einer Schlacht vorhersagen kann.



Den Krieg wagen


Im Kriegsgeschehen - wenn tausend schnelle vierspännige Wagen, tausend schwere Geschütze und tausend rüstungsbekleidete Soldaten
benötigt werden; wenn Vorräte über tausend Kilometer transportiert werden; wenn es Aufwände zu Hause und an der Front gibt und
Ausgaben für Unterhaltung der Truppen und Ratgeber - werden die Materialkosten, wie zum Beispiel für Kleber und Lack, wie für Fahrzeuge
und Bewaffnung in Höhen von tausend Goldstücken pro Tag steigen. Ein Heer von hunderttausend kann nur beherrscht werden, wenn
dieses Geld vorhanden ist.
Ein schneller Sieg ist das Hauptziel im Krieg. Wenn der Sieg zu lange auf sich warten läßt dann werden die Waffen stumpf und die Moral
sinkt. Wenn Truppen Städte und Feindeshochburgen angreifen wird ihre eigene Stärke erschöpft. Wenn das Heer sich lang hinziehenden
Aktionen hingibt, werden sich die Ressourcen des Staates schnell vermindern. Wenn Deine Waffen stumpf und in der dampfigen Hitze
feucht sind, Du selber erschöpft in Deiner Kraft und alle Ordnung sich aufgelöst hat, dann werden die Bosse der benachbarten Staaten
Vorteil aus Deiner Handlungskrise ziehen. In diesem Fall wird niemand, und sei er noch so weise, fähig sein die katastrophalen Folgen,
die sich ergeben abzulenken. Also, auch wenn wir von Aktionen die plump aber flott waren gehört haben, so haben wir doch niemals von
erfolgreichen Aktionen gehört, die lange dauerten, da es noch nie einen sich lange hinziehenden Krieg gab, aus dem ein Land Vorteil
gezogen hätte. Wer unfähig ist zu verstehen welche Tücken ein Truppeneinsatz haben kann, wird auch unfähig sein, vorteilhafte
Einsatzarten zu begreifen.
Ein in die Kriegführung Eingeweihter benötigt keinen zweiten Anlauf oder muß mehr als zweimal Nachschub anfordern. Er nimmt
Ausrüstung von Zuhause mit und sorgt für Nachschub aus Feindesbeständen. So ist dann das Heer mit ausreichend Nahrung versorgt.
Wenn ein Land durch Militäraktionen verarmt, liegt das an weiten Transportwegen. Vorräte über große Entfernungen mit sich zu führen läßt
leistet der Verarmung der Leute Vorschub. Wo Truppen sich zusammenziehen steigen die Preise. Wenn sie steigen, wird aller Wohlstand
hinweggespült. Wenn der Wohlstand weggespült wird, werden die Leute durch Zwang und schwere Mängel betrübt. Mit diesem Verlust von
Reichtum und der Erschöpfung der Kräfte werden die Haushalte im Lande sehr arm dran sein und 70 Prozent des Wohlstandes zerrinnen
. Die Staatsausgaben für zerbrochene Wagen, verbrauchte Pferde, Kanonen und Helme, Bogen und Pfeile, Speere und Schilder, Rüstungen,
Zugtiere und -wagen werden 60 Prozent aller Kriegsausgaben verbrauchen.
Daher ist ein weiser General darauf bedacht, daß sich seine Truppen vom Feind ernähren. Ein einziger Zentner von Feindesausrüstung ist
20 Zentner mitgebrachter eigner Güter wert und ein einziges Pfund Futter vom Feind erbeutet entspricht 20 Pfund mitgeführtem.
Um den Soldaten Mut zu machen den Feind zu überwinden, muß ihr Zorn auf ihn gesteigert werden. Damit sie mehr Beute machen,
benötigen sie einen angemessenen Anteil daran.
Wenn in einer Wagenschlacht mehr als zehn Wagen erobert werden, belohne diejenigen, die den ersten davon erbeuteten. Ersetze die
feindlichen Flaggen und Zeichen durch eigene, mische die feindlichen Fahrzeuge unter Deine und bewaffne sie. Behandle Kriegsgefangene
gut und sorge für sie. Man nennt das ``eine Schlacht gewinnen und dabei stärker werden.
Was also zählt beim Kriegführen ist ein Sieg, nicht hinhaltender Widerstand. Und der General, der versteht, wie man Truppen einsetzen
muß ist Herr über das Schicksal seiner Leute und die Zukunft des Landes.



Offensive Strategie


Während eines Krieges ist es die beste Politik, den besiegten Staat intakt zu halten. Ihn zu ruinieren ist viel schlechter. Die ganze
gegnerische Armee gefangen zu nehmen ist besser, als sie zu zerstören. Eine Abteilung, Firma oder eine Truppe intakt zu übernehmen ist
besser als sie zu zerstören. Unbedingt einhundert Siege in einhundert Schlachten herauszuschlagen ist nicht der Gipfel des Könnens.
Den Feind ganz ohne jeden Kampf zu unterwerfen ist die allerhöchste Excellence.
Somit ist es im Krieg von allergrößter Wichtigkeit, die feindliche Strategie zu durchkreuzen. Das zweitbeste ist, seine Bündnisse durch
Diplomatie platzen zu lassen. Das Drittbeste ist der Angriff auf seine Armee. Und schlechteste Politik ist der Angriff auf seine Hochburgen
und Städte. Greife diese nur an, wenn es keine andere Alternative gibt. Das errichten von Schanzen und Gräben und das Vorbereiten der
notwendigen Waffen und Ausrüstung benötigt mindestens drei Monate. Das Aufhäufen von Erdrampen gegen die Stadtmauern erfordert
weitere drei Monate. Der General, der dann seine Geduld nicht mehr zügeln kann, wird seine Truppen anweisen, wie Ameisen über die
Wälle zu schwärmen, mit dem Ergebnis, daß ein Drittel von ihnen getötet werden, ohne die Stadt eingenommen zu haben. Das ist das
Elend, Städte anzugreifen.
Wer sich im Kriegführen auskennt, unterwirft den Feind ohne Kampf. Er erobert eine Stadt ohne Angriff und stürzt einen Staat ohne
langwährend Operationen. Sein Ziel ist es alles unter Gottes Himmel durch strategische Überlegungen intakt zu einzunehmen. So werden
die Truppen nicht verschlissen und die Ausbeute bleibt vollständig. Das ist die Kunst der offensiven Strategie.
Demzufolge bedeutet die Kunst seine Truppen zu benutzen folgendes: Mit zehnfacher Übermacht zingle den Feind ein. Mit fünffacher
Übermacht greife ihn direkt an. Mit doppelten Kräften zerteile ihn. Sollte er ebenbürtig sein, so kannst Du ihn mit einem guten Plan
besiegen. Wenn Du zahlenmäßig unterlegen bist, sei auch bereit, einen Rückzug zu machen. Und wenn Du in allen Dingen unterlegen
bist, so weiß den Feind zu umgehen, denn eine kleine Streitkraft ist keine leichte Beute für einen Stärkeren, wenn sie rücksichtslos kämpft.
Nun, der General ist der Assistent des zivilen Herrschers im Staat. Wenn diese Mitsprache allumfassend ist, wird der Staat mit Sicherheit
stark sein. Ist sie eingeschränkt, dann ist der Staat schwach.

Es gibt drei Wege, auf denen der zivile Herrscher seiner eigenen Armee Unglück bringen kann:

    Ignorieren, daß weiteres Vorrücken nicht geschehen sollte und statt dessen ein solches anordnen; oder nicht beachten, daß eine
    Kampfpause nicht angebracht ist und trotzdem eine Pause anordnen. Man nennt das ``die Armee humpeln lassen.''
    In Unkenntnis militärischer Angelegenheiten sich trotzdem in die Leitung einzumischen. Das verwirrt die Soldaten.
    Ohne sich in Manövertaktik auszukennen Kampftaktiken mitbestimmen wollen. Dies führt zu Zweifeln bei den Soldaten.

Wenn die eigne Armee ersteinmal verwirrt ist und an Ihrer Führung zweifelt, werden die Gegenspieler daraus Vorteil ziehen und Probleme
verursachen. Genau das ist gemeint, wenn man sagt: ``Eine verwirrte Armee ist Garant für den Sieg des anderen.''

Es gibt fünf Punkte, mit denen sich ein Sieg vorhersagen lassen kann:


    Wer weiß, wann er zu kämpfen hat und wann er es lassen soll wird gewinnen.
    Wer seine Kampfstrategie auf die Stärke des Gegners auslegt wird gewinnen.
    Wessen Hierarchien auf ein gemeinsames Ziel hin arbeiten wird siegen.
    Wer den unvorbereiteten Feind gut vorbereitet empfängt wird gewinnen.
    Wer fähige Generäle und keine Einmischung der zivilen Regierung hat wird gewinnen.


Der Sieg ist sicher, wenn diese fünf Voraussetzungen vorliegen.
Ich kann also sagen: Kenne Deinen Feind und Dich selber, dann wirst Du in 100 Schlachten nicht einmal besiegt werden. Kennst Du den
Feind nicht, wohl aber Dich selbst, dann steht es fifty-fifty. Weist Du nichts über Deinen Feind und nichts über Dich selbst, dann sei sicher,
daß Du jede Schlacht verlierst.



Planungen


Kenntnisreiche Kriegsführer vergangener Zeiten machten sich erst selbst unangreifbar und erwarteten dann einen Zeitpunkt in dem der
Feind verletzbar war. Für die eigene Unverletzbarkeit ist man selbst verantwortlich, doch die Verwundbarkeit des Feindes hängt von ihm
selber ab. Daraus ergibt sich, daß gewitzte Kriegsführer zwar sich selber unbezwingbar machen können, jedoch nicht den Feind mit
Sicherheit verletzlich. Man kann also sagen, daß man weiß wie man gewinnen kann, jedoch nicht, ob man auch wirklich gewinnt.
Verteidige Dich selbst, wenn Du den Feind nicht besiegen kannst und greife ihn an, wenn Du kannst. Man baut auf Verteidigung, wenn die
Kräfte unzulänglich sind; man greift an, wenn man reichlich Reserven hat. Wer in der Verteidigung gut geschult ist, versteckt sich wie vom
Erdboden verschluckt. Wer angreift kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel. So jemand kann beides, sich selber schützen und auch
einen völligen Sieg erringen.
Einen Sieg voraussehen, den jedermann vorhersagen kann ist nicht der Gipfel der Fähigkeiten. Genausowenig herausragend ist es,
wenn Du eine Schlacht gewinnst und von allen als ``großer Stratege'' umjubelt wirst, nur weil Du eine schon verlöschende Macht besiegt
hast; genausowenig ist die Unterscheidung von Sonne und Mond ein Beweis für Deine Sehfähigkeit und das Hören eines Donnerschlages
kein Garant für ein gutes Gehör. Früher haben diejenigen, die man für Spezialisten im Kriegführen hielt, einen Feind erobert, der sich mit
Leichtigkeit erobern ließ. Daher verdient ein Kriegsmeister mit solche Siegen weder einen Ruf der Weisheit irgend einen Verdienst für
seinen Mut. Denn er erringt seine Siege ohne jeden Irrtum. Ohne den Irrtum werden seine Siege sicher. Er erobert nur einen schon längst
geschlagenen Feind. Deshalb hält sich der gewiefte Krieger in einer unschlagbaren Position und verpaßt keine Gelegenheit seinen Feind
zu Überwinden. Eine siegreiche Armee sucht also immer erst dann den Kampf, wenn ihre Pläne einen Sieg möglich erscheinen lassen
wohingegen eine Armee, die zum Untergang bestimmt ist, nur mit der Hoffnung kämpft zu gewinnen, aber eben ohne jede Planung. Wer
gut ist im Kriegführen, regelt seine Vorgehensweise und hält sich strikt an diese Gesetze und Regelungen. Damit hat man die Macht über
den Erfolg in den Händen.
Wie wir sehen sind die Elemente der Kriegskunst zum ersten, die Bemessung der Wegstrecken, zweitens die Abschätzung benötigter
Ausrüstung, drittens Berechnungen, viertens der Vergleich und fünftens die Abschätzung der Siegeschance. Wegstrecken hängen von der
Erdoberfläche ab. Ausrüstungsmengen von den Wegstrecken, Berechnungen von den Ausrüstungsmengen, Vergleiche von den
Zahlenmengen, und endlich der Sieg von den Vergleichen. Eine siegreiche Armee ist wie ein Pfund, daß ein Getreidekorn aufwiegt; eine
untergehende Armee ist wie das Getreidekorn, welches versucht, das Gewicht zu heben.
Es liegt an der Planung, daß ein siegreicher General seine Soldaten kämpfen lassen kann wie ein Wasserschwall, der sich aus einem
Wasserbecken mit plötzlich herausgezogenem Stopfen in einen bodenlosen Abfluß ergießt



Die Armee in Stellung bringen


Im Prinzip ist die Führung einer großen Einheit das selbe wie die Führung weniger Menschen. Und eine große Einheit läßt sich genauso
wie wenige Männer leiten. Das ist nur eine Sache der richtigen Aufstellung und der richtigen Befehlsübermittlung. Daß eine Armee sicher
sein kann, die feindlichen Angriffe ohne eine Niederlage zu überstehen ist auf die operative Vorgehensweise der Spezialtruppen und der
normalen Armee zurückzuführen. Truppen, die gegen den Feind geworfen werden wie Schleifstein gegen Eierschalen, sind ein gutes
Beispiel, wie massives Vorgehen gegen einen ''Niemand`` aussehen muß.
benutze also in der Schlacht die normalen Truppen, um den Feind zu beschäftigen und benutze die Spezialeinheiten um zu gewinnen. So
sind die Vorräte derer, die Ihre Spezialeinheiten richtig einsetzten ebenso unbegrenzt wie Himmel und Erde, so unerschöpflich wie die
Wassermassen aller großen Flußläufe, denn sie können immer wieder von vorne Anfangen - zyklisch wie die Bewegung von Sonne und
Mond. Sie sterben und werden wieder geboren - immer wieder, wie die vorübergehenden Jahreszeiten. Die Noten der Musik sind wie der
Lauf der Jahreszeiten. Es gibt nur fünf Töne (Pentatonik?), doch ihre Abfolgen sind so unendlich, daß keiner je alle hören kann. Es gibt
nur fünf Geschmacksrichtungen, doch deren Mischungen sind so verschieden, daß niemand alle probieren kann. In einer Schlacht gibt
es nur die normalen Truppen und die Spezialeinheiten. Doch deren Kombinationsmöglichkeiten sind grenzenlos; niemand kann alle
begreifen, denn diese zwei Einheiten erzeugen sich gegenseitig. Als schwimme man in einem endlosen Kreis. Wer kann sie und ihre
möglichen Kombinationen schon erschöpfen?
Wenn Sturzbäche große Brocken umwerfen, so liegt das an Ihrem Vortrieb; wenn der Schlag eines Falken das Genick seiner Beute bricht,
liegt das am richtigen Timing. Genauso ist der Vortrieb eines erfahrenen Kriegsherren überragend und sein Angriff erfolgt zum präzisen
Zeitpunkt. Seine Macht ist die eines hart gespannten Katapultes, sein Timing wie das Auslösen des Abzugs.
Im Tumult und Aufruhr scheint die Schlacht caotisch zu sein, trotzdem darf keine unordnung in die eigenen Truppen kommen.
Das Schlachtfeld kann verwirrend und chaotisch aussehen, doch die eigenen Reihen müssen din guter Ordnung bleiben. Das schützt vor
einer Niederlage. Scheinbare Verwirrung ist ein Ergebnis guter Ordnung, scheinbare Feigheit kommt aus Courage und scheinbare
Niedergeschlagenheit läßt sich mit Kraft darstellen. Die Ordnung in der Unordnung ist Abhängig von der Organisation und Leitung;
Courage oder Feigheit hängen nur von den Umständen ab, Kraft oder Müdigkeit von taktischen Anordnungen. Wer also weiß, wie er den
Feind in Bewegung bringt, macht es, indem er selber eine Situation schafft, nach der der Feind handelt. Er lockt den Gegner mit etwas,
das dieser sicher haben will. Er hält den Feind in Bewegung, indem er einen Köder vor ihm herträgt und ihn dann und wann mit
vereinzelten Truppen angreift.
Ein erfahrener Befehlshaber holt sich den Sieg aus der Situation, er fordert ihn nicht einfach von seinen Untergebenen. Er wählt fähige
Leute aus und nutzt die Situation. Wer die Situation für sich nutzt, kämpft mit seinen Männern wie man Klötze oder Steine vorwärtsrollt.
Die Natur der Klötze und Steine ist derart, daß sie auf stabilem Grund fest und sicher stehen; an einem Gefälle bewegen sie sich; sind
sie rechteckig, so stoppen sie, sind sie rund, so rollen sie. Man kann also die Energie geschickt befehligter Truppen vergleichen mit der
Vortrieb von runden Brocken, die von einem tausende Meter hohen Berg herabdonnern.